"Wohnungen sind jetzt zur Ware geworden, genau wie Eierschwammerl"

Aufregende Szenen in der Auskunftsstelle des Wiener Wohnungamtes.

Menschenschlangen vor dem Wohnungsamt
Menschenschlangen vor dem Wohnungsamt

Viele, die seit Jahren Punktescheine haben, wollen wissen, was nun geschehen wird. Auf den Punktescheinen ist bestätigt, dass sie eine Wohnung brauchen; die Wohnungssuchenden wurden genau nach Punkten eingestuft.

Was geschieht nun mit den Punktescheinen?

Die Beamten des Wohnungsamtes geben folgende Auskunft: "Die Punktescheine haben ihre Bedeutung verloren!"

Man kann sich vorstellen, was das für die Menschen bedeutet, deren jahrelange letzte Hoffnung auf eine anständige Wohnung der Punkteschein war.

Laut offiziellen Schätzungen fehlen in Wien 200.000 Wohnungen.

Der Großteil der derzeitigen Wohnungssuchenden hat jetzt überhaupt keine Aussichten auf eine Wohnung, auch nicht auf lange Sicht. Wer eine Wohnung braucht, wird sie kaufen müssen.

„Wohnungen sind jetzt zur Ware geworden, genau wie Eierschwammerl“

sagt Stadtrat Glaserer, Sozialist, Leiter des Wiener Wohnungsamtes:

„werden viele Wohnungen angeboten, dann fallen – wie bei den Schwammerl – die Preise. Ist die Nachfrage größer, werden die Wohnungssuchenden mehr zahlen müssen.“

Ein paar Dutzend Beamte der Anforderungs- und Rechtsabteilung werden überflüssig. Man kann sie in andere Ämter versetzen. Das Ressort des Stadtrats selbst wird wesentlich kleiner. Auflassen kann man es nicht, denn die zwölf Wiener Stadtratsposten sind ein Teil des großen heilig gehaltenen Koalitionsabkommens zwischen ÖVP und SPÖ.

12.000 Wohnungen aus Privathäusern wurden Jahr für Jahr über das Wohnungsamt vergeben. Hausherren konnten dem Wohnugnsamt nur solche Bewerber vorschlagen, die einen Mietschein der Klasse I, also der höchsten Dringlichkeitsstufe, besaßen. Innerhalb von drei Wochen musste der Hausherr seine Wohnung verkauft haben, sonst sandte ihm das Wohnungsamt einen Zwangsmieter.

Stadtrat Glaserer:

„Diese Zeitnot bewirkte Preisdruck. Wenn der Hausherr am Ende der zweiten Woche sah, dass er die fünftausend Schilling, die er wollte, nicht erhielt, dann musste er rasch billiger werden, sonst sandte ihm die Bartensteingasse einen Zwangsmieter. Das fällt jetzt weg. Ich bin überzeugt, dass nun viele Wohnungen wochen- ja monatelang leerstehen werden, so lange, bis der Hausherr eben den geforderten Preis erhält."

Gemeinde Wien vergibt gratis nur noch 5000 Wohnungen im Jahr.

An Spitze der Dringlichkeitsstufe stehen jene Pechvögel, deren Wohnungen wegen Baufälligkeit geräumt werden muss. Das sind rund 1000 Fälle pro Jahr. Dazu kommen 500 Fälle, die ausziehen müssen, weil an Stelle ihres Hauses ein Gemeindebau errichtet wird. Und schließlich kommen 1500 Familien, die tatsächlich unter der Brücke schlafen müssten, wenn wir ihnen nicht helfen, also die echten, wirklichen Obdachlosen .

Das sind zusammen 3000 Notstandsfälle. Bleiben noch 2000 Gemeindewohnungen pro Jahr – und in der Gruppe I, vordringliche Fälle, hatten wir bisher jahraus, jahrein 50.000 Familien vorgemerkt. Wen soll man da herausgreifen? Wie man es auch anpackt, es wird immer ungerecht sein…“

Man muss einen Ausweg finden. Aber vor 1959 wird man ihn gar nicht suchen. Warum? Heuer sind Nationalratswahlen. 1957 wird der Bundespräsident gewählt und 1958 der Wiener Gemeinderat.

Bild-Telegraf, Jänner 1956

Kategorie: 1956 05.01.2026