Die Rolltreppe

Sektpropfen knallten, Raketen zischten, Konfetti und Papierschlangen wurden zentnerweise verschwendet, Heurigensänger und Jazzbands sangen und spielten die ganze Nacht: das war der Silvesterabend 1955 in Wien, das war der Neujahrsmorgen 1956.

Lebensgefährliches Gedränge herrschte vor allem in der Opernpassage, von den Übermütigen "Jonas-Grotte" genannt: Bei den Rolltreppen schien sich ganz Wien ein Stelldichein gegeben zu haben. Findige Burschen hatten den Mechanismus entdeckt und bedienten nun selbst die Knöpfe, li.en die Treppe halten oder rückwärts fahren, rutschten auf den Haltebändern "talwärts", gleich ob sitzend oder liegend, kleine Gruppen waren bemüht, den Silvesterwein oder Likör "im Rollen" hinter die Binde zu gi.en, und die städtischen Wachmänner und einige Polizisten hatten alle Hände voll zu tun, in das Chaos wenigstens ein bißchen Ordnung zu bringen. Zweifellos: die Rolltreppe war das Silvestervergnügen des kleinen Mannes.

Beschreibung
Bild-Telegraf 1. Jänner 1956
Kategorie: 1956 01.01.2026